BYOD- nur für Reiche?

Im Rahmen der Planung des BYOD-Projekts habe ich viele andere Eltern, Freunde, Verwandte und Bekannte (auch LuL) angesprochen, um zu erfahren, wie ein solches Projekt auf Außenstehende wirkt und welche Vorstellungen damit verbunden werden. Meist erfuhr ich Gleichgültigkeit, manchmal milde Unterstützung, aber auch schroffe Ablehnung. Die Argumente für die Ablehnung waren einfach: Hier werden Reiche bevorzugt und ärmere SuS benachteiligt.

Stimmt das denn?

Im vorliegenden Projekt gibt es keine „Untergrenze‘ für die mitzubringenden Geräte. Internetfähig soll es sein, Texte soll man lesen und schreiben können, eine Kamera wäre nicht schlecht.

Wie sieht es mit der vorhandene Ausstattung der SuS tatsächlich aus? Die „JIM- Studie 2012“  bietet Anhaltspunkte: Fast alle SuS haben ein Handy. Der Anteil der Smartphones hieran steigt rasant. Auch die Verkaufszahlen  deuten auf die massenhafte Verbreitung der Smartphones hin: in den Jahren 2011-2013 werden in Deutschland demnach 60 Millionen Geräte verkauft, und das bei 40 Millionen Haushalten. Da werden auch viele SuS neue Geräte bekommen.

Interessanterweise belegt die JIM Studie, dass z.B Hauptschüler tendenziell leicht besser ausgestattet sind als Gymnasiasten. Da es in Deutschland hier -leider- eine eindeutige Korrelation zum Einkommen der Eltern gibt, so scheint es zumindest in diesem Punkt keine sozialen Unterschiede zu geben. Das erscheint mir gar nicht so unlogisch: Smartphones ersetzen Handy, Fotoapparat, MP3-Spieler, PSP oder Nintendo – also Geräte die alle noch vor kurzem auf dem Wunschzettel der SuS waren – zu einem günstigeren Preis. Mein persönliches Smartphone kostete z.B. 100€.

Hier zeigt sich ein wesentlicher Vorteil unseres BYOD-Projekts gegenüber I-Pad- oder Notebook-Klasse: es ist viel billiger. Deshalb haben viel mehr SuS eigene, geeignete Geräte.

Wenn sich aber trotzdem jemand kein Gerät leisten kann?

Dann muss in der Tat etwas getan werden! Für einen zunächst einmaligen Testdurchlauf haben wir uns entschlossen nur SuS mit eigenem Endgerät zuzulassen. Das halte ich durchaus für erträglich. Man weiß schließlich nicht, ob der Test erfolgreich verläuft.

Selbstverständlich ist die BYOD-AG dabei, sich Gedanken zu machen, wie ein sozialer Ausgeich aussehen könnte:
– Finanzierungshilfe durch Förderverein (z.B. 0% Darlehen)
– Anschaffung von Geräte und Ausleihe durch Schule oder Förderverein
– Zuschüsse zur Anschaffung als Arbeitsmittel durch Förderverein, Stadt, Land
– Sammelbestellungen/Leasing-Verträge mit Sonderkonditionen für Bildungseinrichtungen
– Mithilfe durch soziale Einrichtungen z.B. Koblenzer Bürgerstiftung
– Sponsoring durch Firmen / Privatpersonen
Hier sollte m.E. nach Hartz 4 Empfängern und sonstigen unterschieden werden.

Aber vielleicht gibt es in zwei Jahren überhaupt keine SuS mehr ohne digitale Endgeräte?

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„Schummelwerkzeug“ oder Lernwerkzeug?

Schummeln 2.0: Wie gut sind unsere Schulen gerüstet? so lautete der Titel eines Artikels in der Rheinzeitung, der mich ärgerte.

Deshalb habe ich einen Leserbrief geschrieben der -leicht gekürzt- am 25.6.2013 so erschien:

„Geräte sinnvoll einsetzen“

Wie wäre es mit einem Artikel „Lernen 2.0: Wie gut sind unsere Schulen gerüstet“? Tatsächlich sind diese neuen Handys mobile Computer mit unzähligen Funktionen: Taschenrechner, Duden, Enzyklopädie, Wörterbuch, Formelsammlung, Fotoapparat, Diktiergerät usw. Warum werden sie in erster Linie als „Schummelwerkzeuge“ und nicht als Lernwerkzeuge betrachtet? Sind die sich ergebenden Chancen bei sinnvoller Nutzung nicht viel größer als die Gefahren? Wenn die Schüler solche Geräte eh schon besitzen, dann sollten sie ermutigt werden, ihre persönliche Lernumgebung zu erweitern: nicht nur chatten und spielen, sondern auch Vokabeln üben und im Lexikon nachschlagen. Ich halte es für sinnvoll, wenn Schüler erfahren, wie sie solche Geräte auch für den Unterricht und für ihr eigenes lebenslanges Lernen einsetzen können. Dies muss natürlich geregelt geschehen, damit sie lernen, die Geräte verantwortungsvoll effizient und sinnvoll einzusetzen. Im „realen Leben“ ist das Internet als Mittel der Informationsgewinnung und -verteilung schon jetzt nicht mehr wegzudenken, und die Bedeutung mobiler Endgeräte wächst rapide. Hier könnten Schulen technisch-gesellschaftliche Entwicklungen kritisch begleiten und nicht in zehn Jahren merken, dass sich „draußen“ etwas getan hat.

Manfred Koren, Koblenz

P.S.: mein P.S. wurde von der Zeitung gestrichen:

Täuschungsversuche sind laut übergreifender Schulordnung nur in „schweren Fällen“ mit einer Sechs zu bestrafen.

Eine BYOD-Klasse als Schulprojekt

Für BYOD gibt es unterschiedliche Definitionen: Für einige ist BYOD bereits das gezielte, zeitlich begrenzte Zulassen vorhandener Geräte einiger Schülerinnen und Schülern. Die UNESCO spricht in ihren Policy Guidelines für mobiles Lernen schlicht von¨learners supply their own devices¨ in Abgrenzung von der Bereitstellung von Gerät durch Staat/Institution bzw. Formen der Mischfinanzierung.

Immer ist von Lehrkräften zu hören: ¨Das mache ich doch schon! Meine Schüler dürfen in der Oberstufe natürlich mal mit ihren Handys was googlen oder in der Wikipedia nachschauen. Wozu braucht man denn da noch ein Konzept?¨ Das findet sich so oder so ähnlich auch in einigen Lehrerblogs mit Erfahrungsberichten zum Lernen mit den eigenen digitalen Endgeräten der Lernenden (siehe z.B. hier oder hier).

Trotzdem bietet ein konzeptioneller BYOD-Ansatz in einer Schule ein großes Potential für den eigenen Unterricht, aber auch über diesen hinaus. Dabei liegen die wesentlichen Vorteile von BYOD liegen auf der Hand: Immer mehr Lernende haben tragbare digitale Endgeräte, die oft leistungsfähiger sind als die in den Schulen vorhandenen, schnell veraltenden Computer. Diese zunehmende Eigenaustattung der Schülerinnen und Schüler fällt zusammen mit einer Zeit schnellen technologischen Wandes, der in kurzen Abständen immer höhere Rechnerleistungen und Speicherkapazitäten mit sich bringt, und wohl längerfristig leeren Kassen bei einer Großzahl von Kommunen und Kreisen als Schulträger, die eine angemessene IT-Ausstattung von Schulen weitgehend unmöglich machen.

Nichtsdestotrotz handelt es sich um eine Übergangsphase, in der eben noch nicht alle Schüler und noch weniger die Lehrkräfte entsprechende Geräte besitzen. Aktuell liegt die Ausstattung von Jugendlichen mit Smartphones bei statistisch etwas mehr als einem Drittel, wobei das jeder Lehrer aus eigener Anschauung weiß, dass die Zahlen von Klasse zu Klasse und von Schule zu Schule differieren. Aus der eigenen Beobachtung würde ich sagen, dass die jüngeren Schülerinnen und Schüler im Schnitt besser ausgestattet sind als die älteren, was vermutlich den langfristigen Entwicklungstrend aufzeigt.

BYOD als einzelner Lehrer in den eigenen Klassen zu beginnen, ist natürlich eine Möglichkeit, und besser als nichts, aber bietet mehrere Nachteile:

  • In kaum einer Klasse findet sich zur Zeit eine 100%-Eigenausstattung der Schüler. Natürlich reichen oft auch nur einige Geräte, z.B. für die Recherche in Gruppenarbeiten. Diejenigen Schüler mit Smartphone werden dadurch immer wieder herausgehoben, aufgrund ihres Besitzes, was zu Neid und Missgunst innerhalb der Klassengemeinschaft und einem Gefühl der Benachteiligung bei den Lernenden führen kann.
  • Bei der Einführung und Arbeit mit BYOD stellen sich zahlreiche rechtliche und technische Fragen für die es gut ist, die Unterstützung der Schulleitung, der Elternschaft und Zusammenarbeit mit den IT-Veranwortlichen der Schule zu suchen, um z.B. einen Wlan-Zugang für Schüler mit Gerät aber ohne Datenflatrate zu ermöglichen.
  • Manchmal geht es zugegebenermaßen nicht anders und es ist gut als Lehrkraft gemeinsam mit Schülern vorhandene Gestaltungsspielräume auszuloten und zu nutzen. Aber wer solche Veränderungen als Einzelkämpfer nur im eigenen Unterricht ohne den Versuch der Rückkopplung mit der Schulgemeinschaft in Angriff nimmt, läuft Gefahr von den Kollegen, wenn sie nett sind, als skurriler Außenseiter, wenn es weniger gut läuft, als Bedrohung der etablierten Schon- und Arbeitshaltung bzw. als Gefährdung von Schulklima und Schulgemeinschaft wahrgenommen zu werden.

BYOD konzeptionell anzugehen, vielleicht auch zunächst nur mit einer Klasse, macht deshalb Sinn. Eine schulische Strategie ermöglicht die Einbindung aller ¨Stakeholder¨, die dem Einzelnen sonst das Leben schwer machen können. Notwendige rechtliche Regelungen und Anpassungen der technischen Infrastruktur der Schule können so in einem überschaubaren Rahmen entwickelt und ausprobiert werden. Das sind notwendige Vorarbeiten, aus deren Erfahrungen eine planvolle Übertagung auf größere Einheiten erst sinnvoll wird. Als Projekt kann auf diese Weise übergangsweise künstlich eine 100%-Eigenaustattung bei den Lernenden hergestellt werden. In wenigen Jahren wird sich vermutlich nur noch die Frage stellen, wie die wenigen Lernenden ohne Gerät entsprechend ausgestattet werden können – da werden sich ähnliche Unterstützungsmechanismen finden, wie sie aktuell bei Schulbüchern, Klassenfahrten oder Laptopklassen bereits existieren.

Die durch das Projekt hergestellte Vollausstattung in einer Klasse ermöglicht aber auch, und das scheint wesentlich, die Entwicklung und Erprobung neuer Lernszenarien, die die Vielfalt der Geräte und ihrer Funktionen berücksichtigen. Nur so geht der Einsatz der Geräte über die Ad-hoc-Nutzung zum Nachschlagen hinaus. Es lässt sich ein Team aus interessierten Lehrkräften, idealerweise gemeinsam Schulleitungs-, Eltern- und Schülervertretern, bilden, das sich austauscht, das Projekt gemeinsam dokumentiert, die Eingangsphase der ersten Wochen gemeinsam gestaltet und die dabei notwendigen Einführungen und Absprachen mit den Schülern auf verschiedene Unterrichtsfächer und -stunden verteilen. Die Institutionalisierung einer Projektgruppe ermöglicht darüber hinaus auch die Beteiligung von Lehrkräften, die selbst nicht in dieser Modellklasse unterrichten, aber BYOD eigenständig in anderen Klassen in ihren Unterricht bereits ausprobieren oder ausprobieren wollen. Diese Arbeitsgruppe kann dann zu einem zentralen Ort zum Austausch über Unterrichts- und zur Schulentwicklung werden.

 

BYOD Strategie und Richtlinien

Jede Schule, die beschließt BYOD oder BYOT (Bring your own technology) auszuprobieren, braucht dafür sinnvollerweise eine Strategie, wie dies an der Schule eingeführt, umgesetzt und begleitet werden soll. Ebenso wichtig sind Richtlinien für die Benutzung der Geräte im Klassenzimmer und auf dem Schulgelände. Während wir am Eichendorff noch an den Formulierungen feilen, können wir schon mal auf hilfreiche Entwürfe anderer Schulen und Institutionen verweisen, an den wir uns auch orientiert haben.

Einen sehr guten Einstieg bieten die Policy Guidelines for mobile learning der UNESCO (PDF). Eine ganze Sammlung von insgesamt 11 schulischen BYOT-Richtlinien ist auf TeachThought zusammengestellt, wobei die im Blogbeitrag direkt aufgeführte mir von allen auch als die beste erscheint.

Einen Blick lohnt sich auch auf die Seite des Hanover Public School Districts in den USA. Dort ist BYOD als Angebot in dem kleinen Schulbezirk mit entsprechender Infrastruktur eingeführt worden.

Auf jeden Fall finden sich hier Anregungen aus der Praxis für das Erarbeiten eigener Richtlinien und bei der Durchsicht der Regeln wird schnell deutlich, welche Fallstricke es bei der Einführung von BYOD geben kann und welche Fehler, die andere gemacht haben, nicht wiederholt werden müssen.

Sehenswert ist auch ein kurzer Beitrag des WDR über die Walter Bader Realschule in Xanten. Unter dem Titel „Handys helfen beim Lernen“ wird hier ein Pilotprojekt vorgestellt, das seit einem Jahr läuft und von der Uni Duisburg/Essen wissenschaftlich begleitet wird. Besonders interessant scheint hier das Modell der Medienscouts, die sich um die schulische Hardware und deren Ausleihe durch Mitschüler kümmern.

Projektinformationen

Im kommenden Schuljahr wird ein Lehrerteam in einer 7. Klasse unserer Schule ein pädagogisches Vorhaben starten zur Unterstützung schulischen Lernens durch Smartphones und Tablets. Das Projekt hat eine Laufzeit von zwei Jahren. In mehreren Fächern soll vermehrt mit eigenen mobilen Geräten der Schülerinnen und Schüler gearbeitet werden, um deren Potential als Werkzeuge für das Arbeiten und Lernen zu testen.

Wir gehen davon aus, dass die meisten Kinder und Jugendlichen solche Geräte bereits besitzen. Gemeinsam wollen wir erkunden, inwiefern mobile elektronische Geräte Lernprozesse unterstützen und wie sie sinnvoll im Unterricht genutzt werden können. Als digitale Endgeräte gelten dabei neben Smartphones und Tablets auch Netbooks oder Laptops.

Ziel ist es, dass die Schülerinnen und Schüler ihre Geräte nicht nur als Unterhaltungs- und Kommunikationselektronik wahrnehmen, sondern als einen Teil ihrer persönlichen Lernumgebung begreifen. Sie sollen die damit verbundenen Chancen gezielt nutzen lernen.

Voraussetzung zur Mitarbeit der neu zusammengesetzten Klasse ist ein Computer mit Internetzugang zuhause sowie das Vorhandensein eines mobilen Geräts, mit dem Texte gelesen, geschrieben und bearbeitet werden können. Das Gerät sollte wlan-fähig und bei einem Smartphone sollte ein Touchscreen vorhanden sein.

Da es sich um ein pädagogisches Projekt handelt, werden für diese Klasse keine Bewerbungen entgegengenommen. Auf dem Rückmeldezettel zur Neuzusammensetzung der 7. Klassen wurde stattdessen in einem gesonderten Feld abgefragt, wer – ohne weitere Angabe von Gründen – nicht an dem Projekt teilnehmen möchte.