BYOD und Klassenrat

Bei der Diskussion um die Arbeit mit digitalen Medien und das Zulassens eigener Geräten der Schülerinnen und Schüler geht es oft um Kontrollverlust. Dieser wird nicht immer explizit genannt, spielt aber zumindest implizit immer eine Rolle. Der bei vielen Lehrkräften dahinter stehenden Kontrollwunsch verweist allerdings immer auch auf einen Mangel an Vertrauen. Oder um es positiv zu wenden: Um die eigenen digitalen Endgeräte der Schülerinnen und Schüler im Unterricht zuzulassen, ist Vertrauen ebenso wie Begleitung notwendig.

Ein weitgehend verantwortlicher und sinnvoller Umgang mit dem eigenen Endgerät im schulischen Rahmen durch die Schülerinnen und Schüler ist genau das, was wir in den ersten Wochen des BYOD-Projekts an unserer Schule erlebt haben, deren Bilanz abgesehen von den Problemen mit der Bereitstellung des Wlans überaus positiv ausfällt. Natürlich gilt aber auch für die Nutzung der eigenen Geräte, wie für alles andere in der Schule auch, ein (gesetzter oder besser: vereinbarter) Rahmen, bei dessen Überschreitung Konsequenzen erforderlich sind.

Das ist für Schule gar nicht so ungewöhnlich, sondern eher der Normalzustand. Es muss allerdings überraschen, wie schwer sie sich tut, digitale Endgeräte der Schülerinnen und Schüler als Lernwerkzeuge oder, wie jemand vor einem halben Jahr mal auf einer Tagung sagte, als „Kulturzugangs- und partizipationsgeräte“ zuzulassen. Vermutlich ist es für als Kontrollinstanzen beruflich sozialisierte Lehrkräfte zunächst befremdlich, die Bildschirme der Schülergeräte nicht einsehen zu können. Es braucht neben Vertrauen auch Verantwortung und Regeln. Hier kommen die Demokratiepädagogik und der Klassenrat ins Spiel. Soweit ich das überblicke, ist der meines Erachtens recht naheliegende Zusammenhang von beiden Ansätzen bislang noch nicht benannt worden.

Klassenrat und BYOD verfolgen in einem zentralen Bereich eine grundlegend ähnliche Zielsetzung: den Schülerinnen und Schülern Kommunikations- und Handlungsräume zu öffnen und ihnen damit gemeinsam Verantwortung für die Gestaltung von Lernen, Schule und Gemeinschaft zu übernehmen. Es geht um eine Demokratisierung von Schule. In der Diskussion über neues Lernen mit Medien ist von einem Wandel des Lehrer zu einem Lernberater die Rede. Das heißt keineswegs, dass die Lernenden allein gelassen werden, vielmehr ist dieser Rollenwechsel mit dem im Klassenrat weitgehend vergleichbar. Vielleicht kann der Vergleich mit dem weiter verbreiteten Klassenrat sogar helfen, Missverständnisse bezüglich der Lehrerrolle als Berater abzubauen.

Wer den BYOD-Ansatz ernst nimmt, muss auf allen Ebenen, methodisch, didaktisch wie auch organisatorisch, von einer lehrerzentrierten Gestaltung Abstand nehmen. Die Einführung eines Klassenrats, sofern nicht bereits vorhanden, ergänzt den schulischen BYOD-Ansatz und stellt ein notwendiges Instrumentarium zur Verfügung, um Vereinbarungen zu treffen, auftretende Probleme und Konflikte zu besprechen. Umgekehrt kann die Nutzung digitaler Endgeräte durch andere Formen von Kommunikation, Austausch, Zusammenarbeit und Informationszugang etablierte demokratische Strukturen in Klassen und Schule unterstützen und erweitern.

Die hier kurz skizzierten Gedanken könnten und müssten sicher noch präzisiert, ausgeführt und theoretisch unterfüttert werden, sollen aber zunächst einmal als Momentaufnahme und kurzer Diskussionsimpuls hier im Blog stehen.

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Ein Gedanke zu “BYOD und Klassenrat

  1. Hallo Herr Bernsen,

    dass die Benutzung neuer Technologien weitreichende Auswirkungen auf Unterricht und Schule haben kann, weiß sogar der Mathe- Lehrplan für die Sek.2

    Zitat Anfang:
    Ausblick
    „Die schnell fortschreitende Weiterentwicklung der Informations- und Kommunikationstechnologien
    wird zu Veränderungen des Mathematikunterrichts führen. Die immer leistungsfähigere
    Software, eine Miniaturisierung der Hardware und ihre zunehmende Verfügbarkeit wirken sich
    vor allem auf die Methoden des Mathematikunterrichts aus. In gewissen Teilgebieten der Schulmathematik
    wird auch eine Umgewichtung der inhaltlichen Schwerpunktsetzungen notwendig
    werden. Der Lehrplan ist für die Entwicklung neuer methodischer Wege offen und will bewusst
    zu Erprobungen anregen und ermuntern.
    Die Weiterentwicklung des Mathematikunterrichts betrifft vor allem
    − eine stärkere Betonung experimenteller Arbeitsweisen
    − ein Zurückdrängen von Routineaufgaben und Aufgabentypen, die durch einen Algorithmus
    gelöst werden (z.B. Termumformungen, Lösen von Gleichungssystemen, Differentiationsund
    Integrationsverfahren, Kurvenuntersuchungen)
    − eine Vergrößerung des Anteils an Aufgaben, die Problemlöseverhalten und die Anwendung
    heuristischer Verfahren herausfordern
    − das Einbeziehen von offeneren Aufgabestellungen, bei denen der Lösungsweg nicht eng durch
    Frageketten oder Lösungsrezepte vorgeschrieben ist, sondern schon das Auffinden geeigneter
    Fragen von den Schülerinnen und Schülern geleistet werden muss
    − neue Lernformen
    − neue Formen der Leistungsmessung
    − eine veränderte Lehrerrolle.
    Voraussetzung für solche Veränderungen in den Methoden des Mathematikunterrichts und Verlagerungen
    der Schwerpunkte ist allerdings, dass allen Schülerinnen und Schülern in der Schule
    und zu Hause die entsprechenden Medien zur Verfügung stehen.“

    Aus:http://lehrplaene.bildung-rp.de/no-cache/lehrplaene-nach-faechern.html?tx_abdownloads_pi1%5Baction%5D=getviewclickeddownload&tx_abdownloads_pi1%5Buid%5D=218&tx_abdownloads_pi1%5Bcid%5D=5786

    Dieser Text ist doch wie gemacht für das BYOD-Projekt.
    Auch eine veränderte Lehrerrolle wird erwähnt. Den Wandel vom „Besserwisser und Fehlersucher“ zum Berater erachte ich ,wie Sie, als wünschenswert.
    Aber nicht nur LuL tun sich aufgrund „beruflicher Sozialisation“ schwer, hier offen zu sein.
    Auch SuS und Eltern haben feste Vorstellungen wie „Schule wirklich“ ist. Demokratische Teilhabe wird eher als Lippenbekenntnis gesehen und selten ernsthaft eingefordert. Ich glaube, es ist die „heimliche Schulordnung“ in vielen Köpfen, die Änderungen so schwer macht.

    Vielleicht kann BYOD hier tatsächlich einiges auf den Weg bringen. Es soll ja Lehrer geben, dies es deswegen propagieren.

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