Verbieten oder nicht – das ist nicht egal

In letzter Zeit habe ich wiederholt gehört, dass es eigentlich weniger wichtig sei, was eine Schule inhaltlich für eine Regelung bezüglich von „Handys“ treffe; viel wichtiger sei vielmehr die Durchsetzung der getroffenen Regelung, also die Sicherung der Autorität von Schulleitung und Lehrpersonal. Problematisch sei nur eine Regelung, die man nicht durchsetze. Die Frage, ob „Handys“ nun ganz verboten würden, teilweise oder ganz erlaubt sind, sei dem gegenüber zweitrangig.

Anders formuliert: Autorität steht über Pädagogik, denn eigentlich ist es zunächst eine pädagogische Frage über Sinn und Unsinn von „Handys“ an Schule zu diskutieren. Insofern weist die so geführte Diskussion meines Erachtens grundsätzlich in die falsche Richtung, weil sie den Kern nicht erfasst.

Deutlich wird das, wenn man sich vor Augen führt, welche Funktionen mobile Endgeräte wie Handys oder Tablets heute erfüllen. In den Augen vieler Lehrkräfte scheinen Smartphones ähnliches zu sein wie Walkmans in den 1980er oder Gameboys in den 1990er Jahren: Unterhworld_wide_webaltungselektronik.

Schaut man sich an, was man über Musik, Videos und Games hinaus mit Smartphones machen kann, so führt eigentlich kein Weg daran vorbei, sie auch als Lernwerkzeuge oder gar als Kulturzugangsgeräte anzuerkennen. Und selbst das greift noch zu kurz, ermöglichen sie doch nicht nur „Zugang“, sondern darüber hinaus auch Partizipation!

Mit diesen Kulturpartizipationsgeräten lassen sich (auf die Schule bezogen) Notizen, Audio-, Foto- und Videoaufnahmen machen, Kalender und Hausaufgabenheft führen, sie ersetzen darüber hinaus Hefte, Bücher, Poster, Stifte, Lexika, Vokabelkästen, Arbeitsblätter, Uhr, Taschenrechner, Landkarten, Kompass und Taschenlampe, ermöglichen Kommunikation, Kollaboration, Kommentieren, Teilen und Bewerten von Dokumenten sowie das Erstellen eigener Lernprodukte.

Hiervon ausgehend nochmal zurück zur Ausgangsfrage: „Handys“ verbieten? Nur für ein kurzes Gedankenexperiment soll an die Stelle von „Handy“ mal eines der in der Schule etablierten und in der Regel nicht hinterfragten Medien treten, wie z.B. Bücher oder Hefte. Bücher oder Hefte verbieten? Da wäre man schnell bei einer pädagogischen Diskussion nach dem Warum: Zu welchem Zweck werden Hefte und Bücher verwendet, warum kann auf sie nicht verzichtet werden, was lernen Schülerinnen und Schüler alles mit ihnen und wie helfen diese Lernen und Arbeiten zu strukturieren.

Eine Diskussion darüber, Bücher oder Hefte in der Schule zuzulassen oder zu verbieten, nur um eine Regelung zu finden, die durchsetzbar ist, unabhängig von ihrem Inhalt erscheint ziemlich absurd. Eben so ist es aber in vielen Schulen mit digitalen Endgeräten. Die Diskussion funktioniert nur solange diese Geräte ausschließlich oder überwiegend als Unterhaltungselektronik und nicht als medienintegrative Lernwerkzeuge wahrgenommen werden.

Wo immer an Schulen die Diskussion in dieser Weise geführt wird, sollte auf ihre Unsinnigkeit hingewiesen werden. Die Diskussion um „Handys“ in Schulen muss eine pädagogische sein und es ist eine grundsätzliche: Da Smartphones und Tablets einen individuell verfügbaren, permanenten Zugang zum Wissen der Welt, zur Kultur, eine dauerhafte Kommunikation mit Menschen außerhalb des Präsenzraumes ermöglichen, stellen sie das traditionelle Prinzip von Schule in Frage, nach dem 1) alle in einem Raum zur selben Zeit dasselbe lernen, 2) Lehrkraft und Buch die schulischen Wissensvermittler sind und 3) Überprüfungen ohne Hilfsmittel geschrieben werden, die weiterhin zu großen Teilen auf auswendig gelernten Inhalten beruhen.

Wer Schule in dieser Weise aufrecht erhalten will, muss konsequenterweise für den Bann von digitalen Endgeräten eintreten, da die massenhafte Verfügbarkeit digitaler Endgeräte das schulische System in allen drei Punkten in Frage stellt. Es geht also um die grundlegende Organisation von Schule und Lernen. Das Nachdenken darüber, wie diese unter den in Gesellschaft, Wirtschaft, Politik usw. offenkundig durch die Digitalisierung veränderten Bedingungen, aussehen sollte, lohnt sich und sollte nicht mit einer schnellen Abstimmung zur Durchsetzung einer vermeintlich eindeutig einfachen Regelung beiseite gewischt werden.

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5 Gedanken zu “Verbieten oder nicht – das ist nicht egal

  1. Glücklicherweise überdenken viele Schulen mittlerweile ihren Lehrauftrag und beginnen – wenn auch nur Projektweise – digitale Endgeräte in den Unterricht einzubinden. Seien es eBook-Reader oder Tablets.
    Leider verfolgen viele Anbieter eine Preispolitik, die dem ewig knappen Budget der Schulen zuwiderläuft.

  2. Problem dabei ist, dass die Zugänglichkeit allen Wissens das angestrebte Ideal des entdeckenden Lernens behindert. Im englischen wird hier mit „Research“ ja bereits zugegeben, dass man nur Dinge sucht, die andere bereits geschrieben haben. Es gibt schon viele „entdeckende“ Unterrichtseinheiten, bei denen man etwas im „Internet“ oder sogar im Lehrbuch „entdeckt“. Aus naturwissenschaftlich/mathematischer Sicht ist das aber unzureichend.

  3. Es gibt auch manche Eltern, denen Regeln ,der Regeln wegen, wichtig sind. Gerade die Forderung des „Grenzen setzen“ , in der Erziehung kleinerer Kinder, ist oft vom Sinn der Grenzen ( zu Erkennen, dass die Grenzen der Mitmenschen einzuhalten sind) losgelöst. Dann wundert es mich nicht, dass in Schulen ähnlich gedacht wird.
    Dass „Handys“ durchaus segensreich zur Bildung beitragen können, habe ich hier ja schon mehrfach ausgeführt. Bei der Mehrheit der in Schulen eingesammelten Handys wurde aber nicht nach dem Libretto der „Zauberflöte“ gegoogelt oder die Funktionsweise des Wankelmotors erforscht. Glaube ich jedenfalls…
    Die Möglichkeit des „Kulturzugangsgeräts“ führt nicht automatisch dazu, dass andere Nutzungsmöglichkeiten ignoriert werden.
    Auch im Fernsehen gibt es spannende Tiersendungen und interessante Dokus von Prof.Dr.Guido Knopp, trotzdem ist das eigene Fernsehgerät im Kinderzimmer problematisch.
    Eine allgemeine Aufhebung eines „Handy-Verbots“ führt noch nicht zu mehr oder anderer Bildung.
    Um die Möglichkeiten und Chancen zu nutzen müssen Lehrer, Schüler und auch Eltern dies auch wollen.

    Mit besten Grüßen

    Manfred Koren

  4. Vielen Dank für die Reaktionen. Natürlich geht es nicht um eine allgemeine Aufhebung des Handy-Verbots verbunden mit der Vorstellung der Rest käme von alleine. Das funktioniert nicht. Man kann den Gedanken aber umdrehen, um ihn zu verdeutlichen: Wenn ich den Wandel durch Digitalisierung nicht wahrnehme oder ihn für die als nicht relevant erachte („So haben wir schon immer gelernt“ etc.), versuche ich allenfalls, digitale Endgeräte in bisherige Lernszenarien zu integrieren. In der Regel bringt das wenig und vor allem enttäuschte Reaktionen nach dem Motto: Siehst du, da kann man eh nicht so viel mit machen in der Schule…

    @treinhart1983: Die Idee der Vollausstattung der Schulen hat sich meines Erachtens in den letzten 30 Jahren als Irrweg erwiesen. Immer wieder sind Schulen mit Ausstattungsinitiativen bedacht und Computerräume eingerichtet worden. Die Technik dort ist schneller veraltet als Geld für Neuanschaffungen zur Verfügung steht. Dazu kommt noch das Problem der Wartung: Während in einem ähnlich großen Betrieb professionelles IT-Management zum Zuge kommt, übernehmen in den Schulen das engagierte Lehrkräfte, die im Gegenzug viel zu gering budgetierte Entlastungsstunden erhalten. Aufgrund der weiten Verbreitung von zunehmend leistungsfähigeren Endgeräten bei Kindern und Jugendlichen (siehe z.B. die Jim-Studien) könnte BYOD für Schulen eine echte Alternative aufzeigen, in dem nur noch eine grundlegende Infrastruktur in Form eines Netzzugangs ebenso wie Finanzierungshilfen oder Geräte für Schüler, die sich ein eigenes Gerät nicht leisten können, bereit gestellt werden. Letzteres funktioniert bei anderen Lernmaterialien ja auch.

    @Martin Löhnertz: Die Arbeit mit digitalen Endgeräten auf „Recherche“ zu reduzieren, ist natürlich Quatsch. Die Möglichkeiten sind deutlich vielfältiger (siehe den Funktionsumfang der Geräte). Um entdeckendes oder gar forschendes Lernen zu ermöglichen, können mit Smartphones Messungen durchgeführt werden von Entfernungen, Lautstärken, Zeitintervallen usw., es können Befragungen unternommen und aufgezeichnet werden, Beobachtungen (z.B. in Biologie oder Geschiche) dokumentiert, gesammelt und strukturiert werden usw. Die Recherche ist nur ein kleiner Teil der Gerätenutzung. Und da würden ich allen Kollegen Recht geben, von denen ich das schon oft gehört habe (siehe oben im Kommentar): Nur um mal etwas in Google zu suchen, brauche ich kein BYOD-Konzept… vollkommen richtig, dafür nicht, aber darum geht es ja auch nicht!

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