Ein Barcamp im Schulstundenrhythmus?!

Das geht doch gar nicht! In der Tat es ist nicht einfach, aber es geht und eigentlich gar nicht so schlecht…

Die Mehrheit der Schulen ist weiterhin im 45 Minuten Rhythmus, allenfalls noch in Doppelstunden, getaktet. Das widerspricht der eigenen Dynamik eines Barcamps und streng genommen auch der Anlage, nichtsdestotrotz lässt sich deren Grundidee in der Schule sinnvoll adaptieren.

In der BYOD-Klasse hatten wir (Lernende wie Lehrkräfte) festgestellt, dass die „Technik“-Kenntnisse der Lernenden sehr unterschiedlich sind. Einzelne Lernende hatten auch in der 8. Klasse noch Probleme damit, eine vorbereitete Präsentation für ein Referat vom USB-Stick zu starten und baten in solchen Fällen Mitschüler um Hilfe; andere beschäftigten sich in ihrer Freizeit intensiv mit neuer Technik, Programmieren und Hacken.

Daraus entstand die Idee, die Technikfragen der Lernenden aufzugreifen und zu thematisieren. Da bei allen Lernenden unterschiedliche Fragen und Fähigkeiten vorhanden waren, musste eine Form bzw. Methode gefunden werden, die möglichst vielen gerecht wurde. Zündende Idee war das, was Barcamps ausmacht: Bei diesem Thema sind alle Lernenden zugleich auch Experten und können selbst ein Lernangebot für Ihre Mitschülerinnen und Mitschüler machen.

Das Barcamp-Format wurde dann wie folgt an den Schulstundenrhythmus und das Alter der Lernenden adaptiert:

1. Stunde: Um den Bedarf zu erheben, schreiben alle Lernenden ihre Themenwünsche anonym auf. Dabei werden sie aufgefordert, Probleme zu benennen, die sie in den letzten Wochen und Monaten hatten und die sie nicht selbst lösen konnten. Aufgeschrieben werden konnten auch weiterführende Fragen, mit denen sie sich gerne einmal beschäftigen würden. Die Lehrkraft sammelt die Vorschläge ein und erstellt daraus eine Liste, in der gleich oder ähnlich formulierte Themen zusammengefasst werden:

 

themenwünsche

2. Stunde: Das Prinzip eines Barcamps wird erläutert und die Liste mit den Themenwünschen im Klassenraum projiziert. Die Lernenden entscheiden (ggf. in Kleingruppen zu zweit oder dritt), welche Themen sie anbieten können. Darüber hinaus können sie aber auch weitere Angebote formulieren, die zur Liste hinzugefügt werden. Dabei kann es sein, dass einzelne Themenvorschläge nicht abgedeckt werden. Hier besteht dann die Möglichkeit, dass fitte Lernende zwei Workshops anbietet, die Lehrkraft Workshops übernimmt oder (in Absprache mit den Lernenden) weitere Themen zusammengelegt werden bzw. ggf. einzelne Themen ganz wegfallen.

Die Liste mit den Vorschlägen hat sich als sehr hilfreich erwiesen, weil einzelne Lernende zunächst davon ausgingen, dass sie „nichts“ können. Mit Hilfe der Übersicht haben alle Lernenden ein Thema gefunden, zu dem sie sich selbst in der Lage sahen, einen Workshop anzubieten, und sich damit selbst als kompetent erlebten.

Für die kurze Dauer der Workshops sind unterschiedliche Formen möglich: Die Lernenden sind selbst verantwortlich für ihren Workshop. Sie können kurzen Input in Form eines Vortrags vorbereiten, sie können eine Diskussions- und Fragerunde oder eine praktische Anleitung vorbereiten. Damit die Workshops gut vorbereitet werden, kann es je nach Alter sinnvoll sein, den Lernenden eine grobe Orientierung als Hilfestellung zu geben:

 

Anregungen Gestaltung Workshop

Die Workshops haben eine Länge von 15 Minuten, es werden zwei Panels pro Schulstunde angesetzt und die Lernenden erhalten zwei Schulstunden (Stunde 3+4), um in den Kleingruppen ihre Workshops vorzubereiten.

Barcamp Technik Plan

In den beiden Folgestunden halten die Lernenden ihre Workshops. Im Panel-Plan sind absichtlich noch Lücken gelassen, um spontan neue Ideen aufgreifen, ggf. gute Workshops ein zweites Mail oder Vertiefungen anbieten zu können.

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Buchbesprechung: Smartphone geht vor

„Mach die Musik aus, wenn du Hausaufgaben machst!“

„Kein Fernsehen während der Hausaufgaben.“

„Wenn du die Hausaufgaben fertig hast, dann kannst du den Computer anmachen.“

So oder so ähnlich klingt es seit Jahrzehnten im täglichen Kleinkampf in vielen Familien, seitdem das Radio als Einzelgerät Einzug in die Zimmer der Familienmitglieder genommen hat und nicht mehr nur zentral zum gemeinsamen Hören im Wohnzimmer zur Verfügung steht.

Die Geräte haben sich geändert, die mögliche Ablenkung ist aber schon lange da. Was hat das mit dem vorliegenden Buch zu tun? Da geht es laut Titel doch um „Smartphones“. Der Untertitel des Buch präzisiert den Inhalt: „Wie Schule und Hochschule mit dem Aufmerksamkeitskiller umgehen können“.

Kernthesen der Autoren ist, dass es sich bei der heutigen Generation der Lernenden um Mitglieder der Spezies „Homo zappiens“ handelt, die extrem kurze Aufmerksamkeitsspannen haben, zwischen verschiedenen Kanälen permanent hin und her wechseln und deren Gehirne von Internet und Kanalswitchen geprägt seien.

Aufgebaut wird im Buch ein meines Erachtens künstlicher Gegensatz von der traditionellen Lehre und den neuen Lehrenden, von der Generation vor dem Internet, den heutigen Lehrkräften und Dozenten, und den Lernenden, die sich nicht mehr konzentrieren könnten. Der Stil des Buchs wechselt zwischen anekdotischen Berichten und Verweisen auf wissenschaftliche Studien. Insgesamt ist mir die Darstellung dabei viel zu undifferenziert schablonenartig geraten. Die Beobachtungen der Autoren aus ihrer Praxis an der Universtät kann ich aus meiner Arbeit als Lehrer an der Schule in ihrer Pauschalität nicht bestätigen. Die Schülerinnen und Schüler können sich weiterhin konzentrieren, sie können auch längere Texte lesen und auch selbst verfassen. Einige machen dies sogar mit Freude und viel Engagement. Natürlich ich arbeite am Gymnasium, aber dort sind ja potentiell auch die späteren Studierenden.

Wer heute 40, 50 oder 60 ist, wird sich an seine Schulzeit noch erinnern, dass dort neben dem Geschehen an der Tafel zahlreiche Ablenkungen im Klassenzimmer vorhanden waren, die intensiv wahrgenommen oder selbst geschaffen wurden: Zwei Schüler schrieben sich Zettelchen, weitere zehn waren damit beschäftigt, diese möglichst unauffällig hin- und her zu transportieren, weitere fünf beobachteten, wie gut das gelang. Mehrere Schülerinnen und Schüler malten auf Papier, andere schauten aus dem Fenster, während die Lehrkraft vorne an der Tafel etwas erklärte, konnten aber auf Nachfrage erklären, was vorne gerade gesagt wurde. Etwas anderes tun und gleichzeitig zuhören, das hatten einige Mitschüler jahrelang trainiert. Die Beispielliste ließe sich Laurentius_de_Voltolina_001fortsetzen, der entscheidende Punkt ist: Ablenkung ist kein neues Phänomen.

Das sehen auch die Autoren so und verweisen auf die berühmte Abbildung einer mittelalterlichen Vorlesung, wo ein Großteil der Hörer offensichtlich durchandere Aktivitäten abgelenkt ist. Das Bild dokumentiere, dass Unkonzentriertheit ein altes Phänomen sei, aber heute sei alles anders, weil sich „die Kennzahlen und Fertigkeiten digital geprägter Gehirne, wie Aufmerksamtkeitsspanne und Kapazität des Arbeitsgedächtnisses, heute zunehmend schneller ändern, um an eine digital geprägte Umwelt besser adaptiert zu sein.“ (S. 31)

Die biologische Argumentation zu den Prägungen des Gehirns durch die Digitalisierung hat mich nicht überzeugt, weil mir die aus den Forschungsdaten abgeleiteten Schlüsse zu pauschalisierend und deterministisch scheinen, während ich in der Schule viel stärker individuelle Prägungen als eine generationelle wahrnehme. Meines Erachtens übersehen die Autoren zudem in ihrer Argumentation, gerade wo um es eine historische Entwicklung geht, grundlegendere Aspekte des Wandels:

Bei der Darstellung der Lehre in der mittelalterlichen Universität handelt sich um eine im Wesentlichen orale Lernkultur. Wissen wurde vor allem mündlich vermittelt, auswendig gelernt und diskutiert. Geschriebene Bücher spielen aufgrund der zeit- und arbeitsaufwändigen Kopierverfahren per Hand sowie der teuren Materialien eine untergeordnete Rolle. Eine gute Universität war die, wo gute Lehrer waren. Wer lernen wollte, pilgerte quer durch Europa zu den entsprechenden Lehrern. Wissen war wesentlich personell gebunden. Damit hatte das Nicht-Zuhören auch eine ganz andere Bedeutung als in Gesellschaften, in denen Dinge einfach mal nachgelesen werden können.

Genau das ändert sich nach und nach mit dem Buchdruck: Neben Vorlesung, Diskussion und Auswendiglernen tritt die Lektüre. Wissen konnte externalisiert und das war neu: günstig vervielfältigt werden. Es entstanden öffentliche Bibliotheken als Wissensspeicher. Trotzdem war der Zugang weiterhin beschränkt. Gute Lernorte zeichneten sich neben den hervorragenden Lehrenden durch umfangreiche Bibliotheken aus. Weiterhin bewegte sich der Lernende und der Forschende zu diesen Orten. Zugang und Partizipation waren weiterhin abhängig von der Präsenz vor Ort.

Ganz holzschnittartig der Vergleich mit heute: Die Digitalisierung ermöglicht eine Demokratisierung des Zugangs. Selbst im kleinsten Dorf in der hintersten Provinz habe ich – einen ausreichend schnellen Internetanschluss vorausgesetzt – Zugang zum Wissen der Welt. Mobile Endgeräte wie Tablets und Smartphones befreien Lernende zudem von einem spezifischen Lernort wie Hörsaal, Klassenzimmer, PC-Arbeitsplatz und ermöglichen einen zeitlich und räumlich unbegrenzten Zugriff auf eine Weltbibliothek, die ein Vielfaches mehr bietet als jede bislang physisch existiernde Bibliothek der Welt. Lernen wird unabhängig von persönlichen Bindungen, was die Vermittlung von Fachwissen angeht. Nichtsdestotrotz bleiben Lehrkräfte wichtig, ihr Aufgabenschwerpunkt verschiebt sich, wie schon oft und so auch in dem vorliegenden Buch beschrieben, hin zu Lernprozessbegleitern. Darüber hinaus bietet die Digitalisierung aber auch eine potentiell unbeschränkte weltweite Kommunikation und vereinfacht Zusammenarbeit und Veröffentlichung der Arbeitsergebnisse.

Es ist eine Frage der Perspektive: Die Schülerinnen und Schüler haben nicht „Aufmerksamkeitskiller“ in der Hosentasche, sondern multifunktionale Lernwerkzeuge mit direktem Zugang zur Weltbibliothek. Genau hier setzen BYOD-Projekte an, um den Lernenden diese Möglichkeiten sinnvoll zu erschließen, sie für das Lernen zu nutzen und damit auch Schule im Hinblick auf das Leben und Arbeiten im digitalen Zeitalter zu verändern.

Vergegenwärtigt man sich das oben Dargelegte zur langen Geschichte mangelnder Aufmerksamkeit, ist es vermutlich nur konsequent, wenn die Vorschläge der beiden Autoren, wie man dem „Aufmerksamkeitskiller“ in Schule und Hochschule begegnen könnte, recht traditionell daher kommen. So empfehlen sie den Lehrerinnen und Lehrern den Schülerinnen und Schülern verstärkt Lern- und Arbeitstechniken beizubringen und auf diese Weise zum Lerncoach bzw. Lernprozessbegleiter zu werden. Das überrascht, machen Schulen doch genau das schon seit Jahrzehnten. Lern- und Arbeitstechniken wie Unterstreichen, Markieren usw. wurden mir bereits vor 25 Jahren in der Schule intensiv vermittelt – vielleicht hat es ja geholfen, trotz der elterlichen Ermahnungen lief bei mir bei den Hausaufgaben auch immer Musik, später auch mal das Fernsehen.

Auch die weiteren Vorschläge wie die Berücksichtigung spielerischer Elemente, eigener Fragestellungen der Lernenden, Peer Instruction bzw. LdL, problem- oder projektorientiertem Unterricht sind ebenso gut wie richtig, allerdings pädagogisch wie fachdidaktisch alte Hüte. Diese bedürfen weder der Begründung durch Hirnforschung noch durch die Philosophie. Ich hatte mir von dem Buch neue Einsichten erwartet, aber vor allem eine Zusammenstellung von bereits Bekanntem gefunden. Wobei es ja auch positiv gesehen werden kann, dass die Autoren aus ihren Perspektiven am Ende zu ähnlichen Schlüssen gelangen, was die Veränderungen von Lernen und Lehren im digitalen Zeitalter angeht. Wer sich noch nie oder wenig mit dem Zusammenhang von Digitalisierung und Lernen befasst hat, bekommt hingegen einen Überblick, der eine vernünftige Orientierung bietet.

Vom Verlag wurden zum Buch kurze Interviews mit den Autoren als Videos auf YouTube zur Verfügung gestellt. Die Beiträge bieten einen guten Überblick über die Kernpositionen der Autoren. Irritierend finde ich allerdings, dass alle Videos die Redenen mitten im Satz ausblenden und dass das nächste Video mit einem neuen Thema beginnt – so als man davon ausginge, dass eh niemand ein 5 Minuten bis zu Ende schaut und es auch genauso gut abbrechen kann, vielleicht wird da den Rezipienten der Gegenwart doch etwas zu wenig zugetraut….

Das moderne Aufmerksamkeitsproblem

Die veränderte Konzentrationsfähigkeit der Lernenden

Moderne Lehr- und Lernstrategie

 

Andreas Belwe / Thomas Schutz, Smartphone geht vor. Wie Schule und Hochschule mit dem Aufmerksamkeitskiller umgehen können, hep Verlag: Bern 2014 (Internetseite des Verlags).