Buchbesprechung: Smartphone geht vor

„Mach die Musik aus, wenn du Hausaufgaben machst!“

„Kein Fernsehen während der Hausaufgaben.“

„Wenn du die Hausaufgaben fertig hast, dann kannst du den Computer anmachen.“

So oder so ähnlich klingt es seit Jahrzehnten im täglichen Kleinkampf in vielen Familien, seitdem das Radio als Einzelgerät Einzug in die Zimmer der Familienmitglieder genommen hat und nicht mehr nur zentral zum gemeinsamen Hören im Wohnzimmer zur Verfügung steht.

Die Geräte haben sich geändert, die mögliche Ablenkung ist aber schon lange da. Was hat das mit dem vorliegenden Buch zu tun? Da geht es laut Titel doch um „Smartphones“. Der Untertitel des Buch präzisiert den Inhalt: „Wie Schule und Hochschule mit dem Aufmerksamkeitskiller umgehen können“.

Kernthesen der Autoren ist, dass es sich bei der heutigen Generation der Lernenden um Mitglieder der Spezies „Homo zappiens“ handelt, die extrem kurze Aufmerksamkeitsspannen haben, zwischen verschiedenen Kanälen permanent hin und her wechseln und deren Gehirne von Internet und Kanalswitchen geprägt seien.

Aufgebaut wird im Buch ein meines Erachtens künstlicher Gegensatz von der traditionellen Lehre und den neuen Lehrenden, von der Generation vor dem Internet, den heutigen Lehrkräften und Dozenten, und den Lernenden, die sich nicht mehr konzentrieren könnten. Der Stil des Buchs wechselt zwischen anekdotischen Berichten und Verweisen auf wissenschaftliche Studien. Insgesamt ist mir die Darstellung dabei viel zu undifferenziert schablonenartig geraten. Die Beobachtungen der Autoren aus ihrer Praxis an der Universtät kann ich aus meiner Arbeit als Lehrer an der Schule in ihrer Pauschalität nicht bestätigen. Die Schülerinnen und Schüler können sich weiterhin konzentrieren, sie können auch längere Texte lesen und auch selbst verfassen. Einige machen dies sogar mit Freude und viel Engagement. Natürlich ich arbeite am Gymnasium, aber dort sind ja potentiell auch die späteren Studierenden.

Wer heute 40, 50 oder 60 ist, wird sich an seine Schulzeit noch erinnern, dass dort neben dem Geschehen an der Tafel zahlreiche Ablenkungen im Klassenzimmer vorhanden waren, die intensiv wahrgenommen oder selbst geschaffen wurden: Zwei Schüler schrieben sich Zettelchen, weitere zehn waren damit beschäftigt, diese möglichst unauffällig hin- und her zu transportieren, weitere fünf beobachteten, wie gut das gelang. Mehrere Schülerinnen und Schüler malten auf Papier, andere schauten aus dem Fenster, während die Lehrkraft vorne an der Tafel etwas erklärte, konnten aber auf Nachfrage erklären, was vorne gerade gesagt wurde. Etwas anderes tun und gleichzeitig zuhören, das hatten einige Mitschüler jahrelang trainiert. Die Beispielliste ließe sich Laurentius_de_Voltolina_001fortsetzen, der entscheidende Punkt ist: Ablenkung ist kein neues Phänomen.

Das sehen auch die Autoren so und verweisen auf die berühmte Abbildung einer mittelalterlichen Vorlesung, wo ein Großteil der Hörer offensichtlich durchandere Aktivitäten abgelenkt ist. Das Bild dokumentiere, dass Unkonzentriertheit ein altes Phänomen sei, aber heute sei alles anders, weil sich „die Kennzahlen und Fertigkeiten digital geprägter Gehirne, wie Aufmerksamtkeitsspanne und Kapazität des Arbeitsgedächtnisses, heute zunehmend schneller ändern, um an eine digital geprägte Umwelt besser adaptiert zu sein.“ (S. 31)

Die biologische Argumentation zu den Prägungen des Gehirns durch die Digitalisierung hat mich nicht überzeugt, weil mir die aus den Forschungsdaten abgeleiteten Schlüsse zu pauschalisierend und deterministisch scheinen, während ich in der Schule viel stärker individuelle Prägungen als eine generationelle wahrnehme. Meines Erachtens übersehen die Autoren zudem in ihrer Argumentation, gerade wo um es eine historische Entwicklung geht, grundlegendere Aspekte des Wandels:

Bei der Darstellung der Lehre in der mittelalterlichen Universität handelt sich um eine im Wesentlichen orale Lernkultur. Wissen wurde vor allem mündlich vermittelt, auswendig gelernt und diskutiert. Geschriebene Bücher spielen aufgrund der zeit- und arbeitsaufwändigen Kopierverfahren per Hand sowie der teuren Materialien eine untergeordnete Rolle. Eine gute Universität war die, wo gute Lehrer waren. Wer lernen wollte, pilgerte quer durch Europa zu den entsprechenden Lehrern. Wissen war wesentlich personell gebunden. Damit hatte das Nicht-Zuhören auch eine ganz andere Bedeutung als in Gesellschaften, in denen Dinge einfach mal nachgelesen werden können.

Genau das ändert sich nach und nach mit dem Buchdruck: Neben Vorlesung, Diskussion und Auswendiglernen tritt die Lektüre. Wissen konnte externalisiert und das war neu: günstig vervielfältigt werden. Es entstanden öffentliche Bibliotheken als Wissensspeicher. Trotzdem war der Zugang weiterhin beschränkt. Gute Lernorte zeichneten sich neben den hervorragenden Lehrenden durch umfangreiche Bibliotheken aus. Weiterhin bewegte sich der Lernende und der Forschende zu diesen Orten. Zugang und Partizipation waren weiterhin abhängig von der Präsenz vor Ort.

Ganz holzschnittartig der Vergleich mit heute: Die Digitalisierung ermöglicht eine Demokratisierung des Zugangs. Selbst im kleinsten Dorf in der hintersten Provinz habe ich – einen ausreichend schnellen Internetanschluss vorausgesetzt – Zugang zum Wissen der Welt. Mobile Endgeräte wie Tablets und Smartphones befreien Lernende zudem von einem spezifischen Lernort wie Hörsaal, Klassenzimmer, PC-Arbeitsplatz und ermöglichen einen zeitlich und räumlich unbegrenzten Zugriff auf eine Weltbibliothek, die ein Vielfaches mehr bietet als jede bislang physisch existiernde Bibliothek der Welt. Lernen wird unabhängig von persönlichen Bindungen, was die Vermittlung von Fachwissen angeht. Nichtsdestotrotz bleiben Lehrkräfte wichtig, ihr Aufgabenschwerpunkt verschiebt sich, wie schon oft und so auch in dem vorliegenden Buch beschrieben, hin zu Lernprozessbegleitern. Darüber hinaus bietet die Digitalisierung aber auch eine potentiell unbeschränkte weltweite Kommunikation und vereinfacht Zusammenarbeit und Veröffentlichung der Arbeitsergebnisse.

Es ist eine Frage der Perspektive: Die Schülerinnen und Schüler haben nicht „Aufmerksamkeitskiller“ in der Hosentasche, sondern multifunktionale Lernwerkzeuge mit direktem Zugang zur Weltbibliothek. Genau hier setzen BYOD-Projekte an, um den Lernenden diese Möglichkeiten sinnvoll zu erschließen, sie für das Lernen zu nutzen und damit auch Schule im Hinblick auf das Leben und Arbeiten im digitalen Zeitalter zu verändern.

Vergegenwärtigt man sich das oben Dargelegte zur langen Geschichte mangelnder Aufmerksamkeit, ist es vermutlich nur konsequent, wenn die Vorschläge der beiden Autoren, wie man dem „Aufmerksamkeitskiller“ in Schule und Hochschule begegnen könnte, recht traditionell daher kommen. So empfehlen sie den Lehrerinnen und Lehrern den Schülerinnen und Schülern verstärkt Lern- und Arbeitstechniken beizubringen und auf diese Weise zum Lerncoach bzw. Lernprozessbegleiter zu werden. Das überrascht, machen Schulen doch genau das schon seit Jahrzehnten. Lern- und Arbeitstechniken wie Unterstreichen, Markieren usw. wurden mir bereits vor 25 Jahren in der Schule intensiv vermittelt – vielleicht hat es ja geholfen, trotz der elterlichen Ermahnungen lief bei mir bei den Hausaufgaben auch immer Musik, später auch mal das Fernsehen.

Auch die weiteren Vorschläge wie die Berücksichtigung spielerischer Elemente, eigener Fragestellungen der Lernenden, Peer Instruction bzw. LdL, problem- oder projektorientiertem Unterricht sind ebenso gut wie richtig, allerdings pädagogisch wie fachdidaktisch alte Hüte. Diese bedürfen weder der Begründung durch Hirnforschung noch durch die Philosophie. Ich hatte mir von dem Buch neue Einsichten erwartet, aber vor allem eine Zusammenstellung von bereits Bekanntem gefunden. Wobei es ja auch positiv gesehen werden kann, dass die Autoren aus ihren Perspektiven am Ende zu ähnlichen Schlüssen gelangen, was die Veränderungen von Lernen und Lehren im digitalen Zeitalter angeht. Wer sich noch nie oder wenig mit dem Zusammenhang von Digitalisierung und Lernen befasst hat, bekommt hingegen einen Überblick, der eine vernünftige Orientierung bietet.

Vom Verlag wurden zum Buch kurze Interviews mit den Autoren als Videos auf YouTube zur Verfügung gestellt. Die Beiträge bieten einen guten Überblick über die Kernpositionen der Autoren. Irritierend finde ich allerdings, dass alle Videos die Redenen mitten im Satz ausblenden und dass das nächste Video mit einem neuen Thema beginnt – so als man davon ausginge, dass eh niemand ein 5 Minuten bis zu Ende schaut und es auch genauso gut abbrechen kann, vielleicht wird da den Rezipienten der Gegenwart doch etwas zu wenig zugetraut….

Das moderne Aufmerksamkeitsproblem

Die veränderte Konzentrationsfähigkeit der Lernenden

Moderne Lehr- und Lernstrategie

 

Andreas Belwe / Thomas Schutz, Smartphone geht vor. Wie Schule und Hochschule mit dem Aufmerksamkeitskiller umgehen können, hep Verlag: Bern 2014 (Internetseite des Verlags).

Verbieten oder nicht – das ist nicht egal

In letzter Zeit habe ich wiederholt gehört, dass es eigentlich weniger wichtig sei, was eine Schule inhaltlich für eine Regelung bezüglich von „Handys“ treffe; viel wichtiger sei vielmehr die Durchsetzung der getroffenen Regelung, also die Sicherung der Autorität von Schulleitung und Lehrpersonal. Problematisch sei nur eine Regelung, die man nicht durchsetze. Die Frage, ob „Handys“ nun ganz verboten würden, teilweise oder ganz erlaubt sind, sei dem gegenüber zweitrangig.

Anders formuliert: Autorität steht über Pädagogik, denn eigentlich ist es zunächst eine pädagogische Frage über Sinn und Unsinn von „Handys“ an Schule zu diskutieren. Insofern weist die so geführte Diskussion meines Erachtens grundsätzlich in die falsche Richtung, weil sie den Kern nicht erfasst.

Deutlich wird das, wenn man sich vor Augen führt, welche Funktionen mobile Endgeräte wie Handys oder Tablets heute erfüllen. In den Augen vieler Lehrkräfte scheinen Smartphones ähnliches zu sein wie Walkmans in den 1980er oder Gameboys in den 1990er Jahren: Unterhworld_wide_webaltungselektronik.

Schaut man sich an, was man über Musik, Videos und Games hinaus mit Smartphones machen kann, so führt eigentlich kein Weg daran vorbei, sie auch als Lernwerkzeuge oder gar als Kulturzugangsgeräte anzuerkennen. Und selbst das greift noch zu kurz, ermöglichen sie doch nicht nur „Zugang“, sondern darüber hinaus auch Partizipation!

Mit diesen Kulturpartizipationsgeräten lassen sich (auf die Schule bezogen) Notizen, Audio-, Foto- und Videoaufnahmen machen, Kalender und Hausaufgabenheft führen, sie ersetzen darüber hinaus Hefte, Bücher, Poster, Stifte, Lexika, Vokabelkästen, Arbeitsblätter, Uhr, Taschenrechner, Landkarten, Kompass und Taschenlampe, ermöglichen Kommunikation, Kollaboration, Kommentieren, Teilen und Bewerten von Dokumenten sowie das Erstellen eigener Lernprodukte.

Hiervon ausgehend nochmal zurück zur Ausgangsfrage: „Handys“ verbieten? Nur für ein kurzes Gedankenexperiment soll an die Stelle von „Handy“ mal eines der in der Schule etablierten und in der Regel nicht hinterfragten Medien treten, wie z.B. Bücher oder Hefte. Bücher oder Hefte verbieten? Da wäre man schnell bei einer pädagogischen Diskussion nach dem Warum: Zu welchem Zweck werden Hefte und Bücher verwendet, warum kann auf sie nicht verzichtet werden, was lernen Schülerinnen und Schüler alles mit ihnen und wie helfen diese Lernen und Arbeiten zu strukturieren.

Eine Diskussion darüber, Bücher oder Hefte in der Schule zuzulassen oder zu verbieten, nur um eine Regelung zu finden, die durchsetzbar ist, unabhängig von ihrem Inhalt erscheint ziemlich absurd. Eben so ist es aber in vielen Schulen mit digitalen Endgeräten. Die Diskussion funktioniert nur solange diese Geräte ausschließlich oder überwiegend als Unterhaltungselektronik und nicht als medienintegrative Lernwerkzeuge wahrgenommen werden.

Wo immer an Schulen die Diskussion in dieser Weise geführt wird, sollte auf ihre Unsinnigkeit hingewiesen werden. Die Diskussion um „Handys“ in Schulen muss eine pädagogische sein und es ist eine grundsätzliche: Da Smartphones und Tablets einen individuell verfügbaren, permanenten Zugang zum Wissen der Welt, zur Kultur, eine dauerhafte Kommunikation mit Menschen außerhalb des Präsenzraumes ermöglichen, stellen sie das traditionelle Prinzip von Schule in Frage, nach dem 1) alle in einem Raum zur selben Zeit dasselbe lernen, 2) Lehrkraft und Buch die schulischen Wissensvermittler sind und 3) Überprüfungen ohne Hilfsmittel geschrieben werden, die weiterhin zu großen Teilen auf auswendig gelernten Inhalten beruhen.

Wer Schule in dieser Weise aufrecht erhalten will, muss konsequenterweise für den Bann von digitalen Endgeräten eintreten, da die massenhafte Verfügbarkeit digitaler Endgeräte das schulische System in allen drei Punkten in Frage stellt. Es geht also um die grundlegende Organisation von Schule und Lernen. Das Nachdenken darüber, wie diese unter den in Gesellschaft, Wirtschaft, Politik usw. offenkundig durch die Digitalisierung veränderten Bedingungen, aussehen sollte, lohnt sich und sollte nicht mit einer schnellen Abstimmung zur Durchsetzung einer vermeintlich eindeutig einfachen Regelung beiseite gewischt werden.

Schultaschen, Hefte, Stifte, Zeichenblöcke, Turnschuhe … und Smartphones?

Lesenswerte Gedanken von Herrn Larbig in seinem Blog zum Thema BYOD:

[…] dass es Unterschiede bei den elterlichen Möglichkeiten der Unterstützung eines Kindes gibt, wird (häufig) berücksichtigt. Jeder Schüler weiß, dass die Sportschuhe seines Mitschülers teurer oder billiger als die eigenen sind; Musiker wissen durchaus um die Qualität und den Preis der Instrumente ihrer Mitmusiker und dass ein Kolbenfüller unabhängig von den Kosten etwas anderes ausstrahlt als ein Einwegwerbekugelschreiber ist auch klar.

Es ist also weit verbreitet, dass nicht alle Werkzeuge, die in der Schule benötigt werden, von den Schulen gestellt werden; es ist auch üblich, dass Schüler keine Einheitsprodukte in der Schule verwenden müssen, um soziale Unterschiede zu verdecken. Ebenso verbreitet sind in einigen Bereichen Unterstützungsmaßnahmen, um die Teilhabe von Kindern weniger finanzstarker Eltern zu zu ermöglichen.

Wenn es aber um das Erlernen von Fertigkeiten geht, die für das digital unterstützte Lernen und Arbeiten notwendig sind, sieht das alles ganz schnell ganz anders aus. […]

Weiterlesen

BYOD, viele Fragen und Diskussionsbedarf

Kommentar zum Beitrag von Herrn Larbig:

Zunächst einmal vielen Dank für deine kritischen Anmerkungen. Wie bereits auf Twitter geschrieben finde ich Kritik hilfreich, weil sie einen dazu bringt, die getroffenen Entscheidungen und Setzungen zu überdenken, zu begründen oder zu korrigieren. Nichtsdestotrotz würde ich gerne ein paar von dir genannten Punkte kommentieren.

Zunächst einmal geht es in unserem BYOD-Projekt nicht um Technik als Ziel, sondern als Ausgangsbasis. Wir gehen davon aus, dass die fast Vollversorgung mit einem leistungsfähigen Computer in Form eines Smartphones bei Schülern der weiterführenden Schulen in den nächsten Jahren erreicht sein wird. Unsere Frage ist: Lassen sich diese Geräte didaktisch und methodisch sinnvoll in den Unterricht als Lernwerkzeuge integrieren? Falls ja, wie? Und wie nicht?

Aktuell beobachte ich in meinen Kursen in der Oberstufe eine Ausstattung vielleicht eines Drittels der Schüler, in den unteren Jahrgangsstufen liegt er bereits bei 50% und mehr. Ich denke, daran zeigt sich der vermutete Trend. Sollte das in Zukunft so sein, dass (fast) alle Schüler ein Smartphone besitzen und sich diese als taugliche Lernwerkzeuge erweisen, stellt sich die Frage, wie man den Schülern helfen kann, die sich ein solches Gerät nicht leisten könnten. Das ist eine soziale Frage. Hier kann man ähnliche Lösungen finden, wie es sie jetzt für Bücher, Taschenrechner oder Klassenfahrten gibt.

Natürlich erlaube ich auch in anderen Klassen und Kursen den Einsatz vorhandener Geräte. Nach Doebelis Übersicht von gestern „reines“ BYOD, also das eigentliche, echte, was ja auch in deinem Bericht durchklingt und mir persönlich angesichts einer nicht existenten allgemeinen Definition zu negativ tendenziös gegenüber anderen Lösungen ist. Nach meiner Erfahrung ist das Erlauben des Nutzens eigener Geräte keineswegs so positiv, wie von dir beschrieben. Auch wenn die analoge Arbeit gleichwertig ist, haben die Schüler ohne Gerät ja nicht die Wahl, wie sie arbeiten. Auch wenn du es auf den Willen der Eltern und Schüler wendest (was es selbstverständlich auch gibt), so findet hier in der Lerngruppe ein Ausschluss statt und ich habe es auch schon erlebt, dass sich Schüler beschweren, dass die Geräte zugelassen werden, weil sie darin eine Benachteiligung für sich sehen. Ich kann das verstehen. Probleme in bezug auf (Marken-) Produkte als Statussymbole gibt es in Schule immer und in vielen Bereichen (vom Schreibgerät bis zu den Turnschuhen). Es ist nur eine Vermutung, ich könnte mir aber vorstellen, dass er in bezug auf mobile Endgeräte in Schulen, wo „Handys“ ganz verboten sind und in „reinen BYOD“ Klassen innerhalb der Lerngruppen sehr stark ist.

In unserem BYOD-Projekt greifen wir also (ausnahmsweise, als Projekt) künstlich ein paar Jahre vor und simulieren in einer normal zusammengesetzen Lerngruppe eine Vollausstattung mit mobilen Geräten. Vielleicht ist der Hinweis noch wichtig, dass die Zusammensetzung der Schüler nicht durch eine Bewerbung oder aufgrund bestimmter Geräte erfolgte, sondern grundsätzlich nach den normalen Regeln für die Neuzusammensetzung der 7. Klassen mit dem einzigen Unterschied, dass Eltern nach ausführlicher Vorstellung des Projekts ausschließen konnten, dass ihr Kind in die Projektklasse kommt (ca. 30 von 90 haben das dann übrigens ausgeschlossen). Ist das dann kein „reines“ BYOD mehr, sondern „obligatorisches“? (Nur zur Klärung: ich finde, den Versuch der Klärung sehr hilfreich, nur die gewählten Begriffe finde ich etwas unglücklich.) Wenn ich mobile Geräte als Lernwerkzeuge ansehe, dann erhalten sie denselben Status wie Schulhefte und Bücher, übernehmen in Teilen deren Funktion. Und dann muss ich sie genauso selbstverständlich zur Schule mitbringen und dort nutzen wie eben die Schulbücher.

Ich glaube, dass es wesentliche Unterschiede gibt, BYOD als Einzelkämpfer in seinen Lerngruppen zu erlauben und zu erproben, oder sich als Schule konzeptionell auf den Weg zu machen. Das habe ich an anderer Stelle schon einmal ausführlicher dargelegt und brauche es deshalb hier nicht zu wiederholen. Meiner Meinung nach bedarf es auf schulischer Ebene der Diskussion, eines Austauschs, der Schaffung einer notwendigen Infrastruktur und Vereinbarungen, um digitales Arbeiten zu einer Selbstverständlichkeit werden zu lassen.

Zu deiner Kritik an der Nutzung von edmodo noch eine abschließende Bemerkung: Natürlich ist es gut lokale, regionale oder nationale Lösungen zu nutzen. Edmodo als US-amerikanisches Produkt anzuprangern, ohne sich das Angebot näher anzuschauen, ist ein wenig kurz geschossen.  Wenn du vorweg alle Internetseiten, Angebote und Apps ausschließt, die aus den USA kommen, bleibt zur Zeit nicht viel übrig. Es wäre schön, da näher hinzuschauen und zu differenzieren.

P.S. Es gibt in RLP sowohl Lernplattformen als Landeslösungen als auch lokale Angebote. Da wir aber eine Mehrheit von Smartphone-Nutzern in der Klasse haben, muss jedes Angebot, das wir nutzen wollen für die relativ kleinen Bildschirme optimiert sein. Das ist bei den Landeslösungen leider nicht gegeben. Die Angebote jedes Mal über eine Browser auf dem Minibildschirm aufzurufen, ist auf Dauer nicht praktikabel. Im übrigen ist das Nutzen verschiedener Anwendungen und Apps in der Schule immer auch der Anlass die damit verbundenen Probleme zu thematisieren.